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#mutterschaft#muttersein#mutterleben

Alleine im Zug

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Alleine im Zug | story.one

Einsteigen ohne den Kinderwagen manövrieren zu müssen oder jemandem um Hilfe zu bitten. Einsteigen ohne nach dem richtigen Waggon Ausschau zu halten. Einsteigen ohne sich um den Platzmangel zu sorgen. Einfach Einsteigen und sich hinsetzen. Die Beinfreiheit, die Arm- und Handfreiheit, die vollkommene Bewegungsfreiheit! Nur im Kopf herrscht eine absolute geistige Sperre. Die Gedanken entblößen sich und zeigen ihre wahre Zerstörungskraft. Ist es das Schicksal der Mütter, nie vollkommen frei sein zu können? Immer etwas mit schleppen? Und wenn es keine überfüllte Wickeltasche ist, dann eine Bagage an Sorgen?Die miesen Racker im Kopf stellen mir ihre Szenarien vor. Und wenn der Anfang ab und zu erfreulich ist, das Ende ist immer ein Desaster. Die Wahrheit ist - er kommt viel besser ohne mich zurecht, als ich ohne ihn. Man sollte sich doch darüber freuen, aber dieser Sturm an Gefühlen wirbelt alles auf und wirft dich hin und her zwischen Gut und Böse. Doch das Schöne an der Trennung ist die Verschmelzung von Schwarz und Weiß. Die bitter-süße Note des Abschieds, die saure Trennung und das Wiedersehen aus Zuckerwatte.Ich versuche mich krampfhaft daran zu erinnern, wie mein Leben ohne mein Kind war. Wie ich damals war. Es ist noch gar nicht so lange her, doch es sind Welten dazwischen. Ich fühlte mich noch nie so ganz und so zerbrochen. Ich sehnte mich noch nie so nach der Freiheit und vermisste jemandem mit jeder Zelle meines Körpers. Ich versuchte noch nie so sehr mit dem Strom zu schwimmen und ragte so sehr nach Luft. Ich war noch nie so stark und so hilflos zugleich. Ich fühlte mich noch nie so lebendig und hatte so viel Angst vorm Tod. Ich war noch nie so sehr bei mir, obwohl ich mich jeden Tag auf Neue entdecke, mich manchmal abwesend und fremd fühle.

Die Mutterschaft ist ein Rätsel voller Widersprüche. Es verwandelt dich, heilt deine alten Wunden, verändert deinen Geist und updatet dein System auf 2.0 Version. Es gibt dir alles und nimmt gleichzeitig vieles weg.

Ich atme tief ein...und aus...ein und aus. Der Zug hält an, wie ich meine Luft anhalte. Der letzte Atemzug geht immer heim zu dir.

© XeniyaCherno 2023-01-17

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