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#nachbarschaft#nachbarn#neighbours

Kappilifäold

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Kappilifäold | story.one

So nennt sich mein Hood, der zwölfte Hood, in dem ich wohne, obwohl es das 13. Haus ist. Denn das zwölfte Haus war auch in diesem Hood. Ich bin nur über die Straße gezogen. Ins Kappiliföold. Das Feld der Kapelle, die am Ende der Straße steht. Auch wenn es hier kaum noch Felder, sondern hauptsächlich Einfamilienhäuser gibt. Vogelsang hieß die Parzelle einmal. Vielleicht hört Dirk deshalb besonders viele Vogelstimmen, die er zu unterschiedlichen Tageszeiten bemerkt und für die Nachbarschaft dokumentiert hat.

Bleibt es beim 13. Hood? Wer weiß. Die Kinder haben schon gesagt, dass sie fix nicht hier bleiben werden und die Erstgeborene hat das schon in die Tat umgesetzt. Die Rückkehr fällt ihr immer ein wenig schwer, weil die Menschen im Kappilifäold wissen, wer du bist und was du machst. Thomas weiß, wenn ich nicht zu Hause bin und die Kinder Parties feiern und erzählt mir das brühwarm, was die Aussage „ich hasse Thomas“ nur bestärkt. Herta weiß, „wem ich gehöre“, wer meine Vorfahren sind, ging mit meiner Tante in die Schule. Damals, vor 80 Jahren. Gerti sieht mir von ihrer Küche aus auf den Esstisch, sagt sie. Also habe ich von dem Zeitpunkt an, als sie das verkündet hat, das nackt-essen sein lassen. Dass alle alles zu wissen scheinen, das macht was mit meiner Tochter. Und mit mir. Und gleichzeitig weiß ich, dass dem Haus und den Kindern nie etwas passieren würde, denn Thomas würde es beobachten. Und berichten. Von Thomas hinter den herunter gelassenen Rollläden, der in seinem Alter gar nicht so gute Augen haben kann, um ohne Brille oder Fernglas zu sehen, was er berichtet. Was sieht er also und was berichtet er wem?

Mir berichtet er, wenn die Jungs beim Sohn waren und sich ein Alkopops gönnten. Ich sei ganz bestimmt nicht zu Hause gewesen meint er, als er mich an der Straßenecke abfängt. Schon beim “Guten Morgen” sehe ich ihm an, dass er etwas zu berichten hat.

Thomas beobachtet auch, wenn jemand mit der Vespa meiner Tochter Unfug treibt. Auch das berichtet er. Um 4 Uhr in der Früh. Aufbegracht unter meinem Schlafzimmerfenster. Einen jungen Mann am Kragen haltend. Thomas ist ein Synonym für die neugierigen Nachbarn, deren Hobby das Leben der anderen ist, die für Ordnung in der Nachbarschaft sorgen und selbst den geordnetsten Vorplatz haben. Auch wenn es an der Fassade ein wenig bröckelt.

Der Hood besteht nicht nur aus Thomas‘, sondern auch aus Hertas, die ohne Yoga flexibler sind als wir, aus Trudis, die immer Munition in Form einer Riesentube Smarties zu Hause haben, aus Simones, die irgendwann ein Nachbarschaftsfest anzettelte, aus Dirks, die alle Power Tools der Welt zu Hause haben und dir ihre Zeit schenken. Das ist mein Hood. Eine bunte Mischung aus Menschen, manche eine Spur zu neugierig oder zu gelangweilt, die meisten mit (Sitz)fleisch, guter Laune und Lust auf Gemeinschaft. Und aufs Straßenfest.

© gabrieleschreibt 2023-01-08

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